Wie resilient sind wir eigentlich?

Es gibt Fragen, die klingen zunächst abstrakt. Resilienz zum Beispiel: ein Wort aus der Psychologie, aus der Organisationslehre, aus Krisenstäben und Strategiepapieren. Es meint Widerstandskraft. Die Fähigkeit, nicht zu zerbrechen, wenn etwas erschüttert wird. Aber was bedeutet das für eine Gesellschaft? Für ein Land? Für uns?
Mit dieser Frage beschäftigte sich unser Akademiedozent Dr. Jens Oboth gemeinsam mit den Teilnehmenden der jüngsten Unteroffiziersakademie in der Katholischen Akademie Die Wolfsburg. Seit inzwischen sechs Jahren organisiert und begleitet er diese
Akademien im Bistum Essen. In diesem Jahr stand drei Tage lang ein Thema im Mittelpunkt, das lange Zeit vor allem nach Verteidigungspolitik klang, inzwischen aber viel näher an den Alltag herangerückt ist: Landes- und Bündnisverteidigung als
gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Sicherheit beginnt nicht erst im Ernstfall

Dass Sicherheit nicht allein eine Angelegenheit von Kasernen, Ministerien und Einsatzplänen ist, wurde in diesen Tagen schnell deutlich. Sie beginnt auch dort, wo Infrastruktur funktioniert — oder eben nicht. Wo Behörden, Hilfsorganisationen,
Bundeswehr, Zivilgesellschaft und Politik ineinandergreifen müssen. Wo Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, bevor die Krise da ist. Wichtige Impulse kamen von Dr. Jörg Wissdorf von der Führungsakademie der
Bundeswehr in Hamburg sowie von Dr. Bo Tackenberg und Bernd Johnen vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Sie zeigten, wie komplex die Fragen geworden sind: Wie schützt sich eine offene Gesellschaft, ohne ihre Offenheit zu verlieren? Wie spricht man über Wehrhaftigkeit, ohne in alte Reflexe zu verfallen? Und wie bereitet man sich realistisch auf Krisen vor, ohne in Alarmismus zu geraten?

Resilienz hat Gesichter

Ein besonderer Höhepunkt war der Besuch bei einem der größten THW-Standorte Deutschlands hier in Essen. Frank Schöpper und sein Team nahmen sich mehr als drei Stunden Zeit, gaben eindrucksvolle Einblicke in ihre Arbeit und präsentierten den
umfangreichen Fuhrpark des THW. Wer dort steht, zwischen Einsatzfahrzeugen, Technik und Menschen, die im Ernstfall
ausrücken, versteht vielleicht besser, dass Resilienz kein Schlagwort ist. Sie hat Gesichter. Sie trägt Uniform, Schutzkleidung, manchmal auch einfach einen Blaumann. Sie besteht aus Ausbildung, Erfahrung, Verlässlichkeit und aus Menschen, die bereit
sind, ihre freie Zeit, ihre Kraft und ihr Können einzubringen.

Realismus ist keine Absage an Hoffnung

Zu den Einsichten dieser drei Tage gehörte auch, dass sich in unserer Gesellschaft ein Umdenken abzeichnet. Viele Menschen sehen heute deutlicher, dass Wehrhaftigkeit und Krisenresilienz keine Gegensätze zu Frieden und Stabilität sind, sondern deren
Voraussetzung. Realismus ist dabei keine Absage an Hoffnung. Er kann im Gegenteil davor schützen, neue Abhängigkeiten entstehen zu lassen oder sich politischem Wunschdenken hinzugeben. Gleichzeitig bleibt die Debatte schwierig. Wer über notwendige Wehrhaftigkeit spricht, wird bisweilen vorschnell mit Eskalation oder gar Kriegstreiberei in Verbindung gebracht.
Gerade deshalb braucht es Differenzierung, Sprache und Vermittlung. Eine demokratische Gesellschaft muss über Sicherheit sprechen können, ohne sofort in Lager zu zerfallen. Sie muss aushalten, dass Friedensfähigkeit manchmal auch
Verteidigungsfähigkeit voraussetzt.

Wenn der Stau zum Symbol wird

Wie konkret diese Fragen werden können, zeigte sich auch an einem scheinbar beiläufigen Moment: Die Exkursion begann zunächst im Stau. Fast zu passend, könnte man sagen. Denn im Ernstfall wäre Deutschland als Drehscheibe für alliierte Truppen enorm gefordert. Die Belastbarkeit unserer Infrastruktur ist deshalb keine technische Randfrage, sondern eine sicherheitspolitische Grundfrage. Straßen, Schienen, Brücken, Kommunikationswege — all das gehört zur Verteidigungsfähigkeit einer Gesellschaft,
auch wenn es im Alltag selten so genannt wird.

Die Krise bringt nicht nur Egoismus hervor

Besonders bemerkenswert war ein anderer Befund: Forschung und Erfahrung zeigen, dass Menschen im Krisenfall oft solidarischer und kooperativer handeln, als gängige Katastrophenszenarien vermuten lassen. Die Vorstellung, in der Krise breche vor allem
Egoismus aus, ist offenbar zu einfach. Häufig entsteht gerade dann Gemeinschaft. Menschen helfen einander, organisieren sich, übernehmen Verantwortung. Das ist kein Grund zur Sorglosigkeit, aber ein Grund zur Hoffnung.

Anerkennung, bevor es ernst wird

Und nicht zuletzt wurde in diesen Tagen sichtbar, wie viele Menschen sich haupt- und ehrenamtlich mit großer Kompetenz und hohem persönlichen Einsatz für unsere Sicherheit engagieren — in der Bundeswehr ebenso wie im Zivil- und Katastrophenschutz. Dieses Engagement verdient Anerkennung und Wertschätzung. Nicht erst im Ernstfall, sondern schon jetzt.

Resilienz ist eine Haltung, die man einübt

Am Ende bleibt die Ausgangsfrage: Wie resilient sind wir eigentlich als Gesellschaft? Vielleicht lautet die ehrlichste Antwort: resilient genug, um es werden zu können, wenn wir begreifen, dass diese Aufgabe nicht an einzelne Institutionen delegiert werden kann.
Gesellschaftliche Resilienz entsteht dort, wo Verantwortung geteilt wird. Von Staat und Zivilgesellschaft. Von Hauptamt und Ehrenamt. Von Bundeswehr, Katastrophenschutz, Kirche, Politik und Bürgerinnen und Bürgern. Sie ist keine Eigenschaft, die man besitzt. Sie ist eine Haltung, die man einübt.

Allen Referenten und Mitwirkenden, die zum Gelingen der Tagung beigetragen haben, gilt ein herzlicher Dank.
Die Unteroffiziersakademien finden in Kooperation mit dem Katholischen Militärdekanat Köln und der Gemeinschaft Katholischer Soldaten statt.

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Kursbereiche >> Politik, Demokratie , Gesellschaft

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