Sind wir (fast) alle „Internettypen“?

Diskussionsrunde über ein mögliches Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige im Mariengymnasium Essen-Werden

Na, wer hat heute schon länger aufs Handy geschaut als eigentlich beabsichtigt? Auf die Frage nach der persönlichen Bildschirmzeit reagieren Menschen aller Altersklassen oft selbstkritisch. Dass das Thema gerade für die jüngeren Generationen eine besondere Bedeutung hat, steht außer Zweifel. Doch ist ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige die richtige Antwort? Darüber kann man streiten – wie jetzt auch eine lebhafte Debatte im Mariengymnasium Essen-Werden zeigte. Dort diskutierten am Dienstagabend Menschen aus Wissenschaft, Medien und Politik mit Menschen, die in der bischöflichen Schule lernen und lehren.

Unter dem Titel „Triggerpunkt: Social-Media-Verbot – Wirksamkeit. Kritik. Gegenvorschläge“ führte Moderator Mark Radtke durch den Abend. Er ist Dozent in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ und dort für den Bereich Sozialethik und Gesellschaftspolitik verantwortlich.

Argumente für und gegen ein Verbot

Wer ist für ein Verbot von Sozialen Medien für Minderjährige und wer dagegen? Als der Moderator diese Frage an das Publikum am Anfang des Abends stellte, zeigte sich schon eine leichte Tendenz: Die meisten im Raum sprachen sich gegen ein Verbot von Plattformen wie TikTok und Instagram für unter 16-Jährige aus. Was sind die jeweiligen Argumente?

Dr. Josephine B. Schmitt, wissenschaftliche Koordinatorin am Center for Advanced Internet Studies (CAIS) in Bochum, lenkte den Blick zunächst auf das Gute: „Soziale Medien sind Räume für Identitätsstiftung, bieten Information, Kommunikation, Unterhaltung und Austausch. Das haben wir gerade in der Pandemie gesehen.“ Aber sie sieht auch die negativen Punkte, zum Beispiel: „Man kann mit problematischen Inhalten in Kontakt kommen.“

Schützt ein Verbot Kinder und Jugendliche wirksam vor solchen schädlichen Seiten, vor Cybermobbing und Suchtmechanismen? Oder verhindert es zugleich Teilhabe und digitale Mündigkeit? Der letzte Punkt ist ein besonderes Anliegen des Journalisten und Autors Dirk von Gehlen, der als „Director Think-Tank“ am Institut der Süddeutschen Zeitung arbeitet. „Meine Idee wäre – gerade weil wir hier in der Schule sind  –, darüber zu reden, wie wir junge Menschen zu aktiven Bürgerinnen und Bürgern in einer offenen, freien Gesellschaft machen.“ Ein Social-Media-Verbot, so seine Meinung, würde „uns diesem Ziel nicht näher bringen, im Gegenteil.“ Es führe zu Einschränkungen – auch für Ältere, die sich dann in Zukunft ständig ausweisen müssten im Internet.

„Viereckige Augen“

„Internettyp!“ Als solchen bezeichnet sich der Essener Journalist und Podcaster Gavin Karlmeier selbst gerne. Und dieser Begriff bringt auf den Punkt, wie viel Verbindendes bei dieser Veranstaltung mit im Raum war. „Internettypen – sind wir das nicht mittlerweile (fast) alle?“, kann man sich fragen. Gavin Karlmeier beschrieb seinen Eindruck vom Umgang politisch Verantwortlicher mit dem Thema. „Ursula von der Leyen und Friedrich Merz sind der Meinung: Die Kinder sitzen alle zu viel vor dem Handy – die haben alle schon ganz viereckige Augen.“ Letzteres habe er als Kind aber auch schon zu hören bekommen, als es noch gar nicht um Smartphones ging.

Die Dauer der Nutzung sei für ihn nicht die entscheidende Frage. „Das Internet wurde erfunden, um Wissen zu demokratisieren, um Verbindungen herzustellen. Das jetzt für junge Menschen auszublenden und zu sagen: ,Wir Erwachsenen lernen im Internet etwas und haben Spaß, aber ihr seid noch nicht bereit dafür‘“, hält er für falsch. Das, was problematisch werden könne, wenn man im Netz unterwegs sei, gelte nicht nur für Kinder und Jugendliche.

Auch Frank Müller, SPD-Abgeordneter im NRW-Landtag und Mitglied im Ausschuss für Familie, Kinder und Jugend, knüpfte daran an: „Wir sehen, dass mentale Gesundheit ein Riesenthema für die ganze Gesellschaft ist. Es ist ja nicht erst aufgekommen mit den sozialen Medien.“ Man müsse seiner Ansicht nach „die Systemfrage stellen: Ist unser Jugendschutz darauf ausgelegt, mit diesen Herausforderungen umzugehen?“, so der NRW-Landtagsabgeordnete.

Lehrer und Schüler über Auswirkungen im Alltag

In der Schule setzt man sich tagtäglich damit auseinander, was soziale Medien mit Kindern und Jugendlichen machen. Lars Wojaczek ist Lehrer am Mariengymnasium, Jahrgang 1997, selbst digital geprägt und damit „ganz dicht dran an den Schülerinnen und Schülern“, wie er selbst sagt. Er sieht die übermäßige Smartphone-Nutzung durchaus als „Problem“, aber ist gegen ein Verbot – wie am Ende der Veranstaltung auch die klare Mehrheit des erneut befragten Publikums.  „Ich bin für einen selbstbestimmten und reflektierten Umgang mit Social Media“, sagt der Mann, der Deutsch, Politik, Sport und Sozialwissenschaften unterrichtet. Das gemeinsame kritische Hinterfragen der Nutzung verschiedener Plattformen passiere in Schulen schon längst dort, wo entsprechend erfahrene und ausgebildete Lehrkräfte im Einsatz seien. Lars Wojaczek fordert deshalb einen deutlichen Ausbau dieser Arbeit an Schulen.

Zu Wort meldete sich auch ein Schüler Wojaczeks. Der 15-jährige Arne berichtete von einem aufschlussreichen Kinobesuch: „Ein Freund, der mit war, fand den Film total spannend – aber er hat trotzdem nebenbei TikTok geschaut. Ich glaube, 80 Prozent meiner Mitschüler haben täglich über zwei Stunden TikTok-Zeit. Das kann es doch nicht sein!“

Der „Kids Act“ der EU

Die Diskussion folgte wenige Tage nachdem die Europäische Union ihre Pläne zum Thema veröffentlicht hatte. Der „EU Kids Act“ sieht vor, drei Altersstufen vor den Eintritt in die Social-Media-Welt zu setzen: Für unter 13-Jährige sollen es bei Plattformen wie TikTok und Instagram heißen: „Wir müssen leider draußen bleiben“.  Im Alter von 13 bis 15 Jahren wären dann sogenannte „Mini-Konten“ mit eingeschränkten Funktionen und altersgerechten Inhalten erlaubt. Darauf könnten die Jugendlichen über das Konto der Erziehungsberechtigten maximal eine Stunde pro Tag zugreifen. Ab einem Alter von 15 Jahren sollen dann eigene Accounts erlaubt sein. Die Social Media- oder Gaming-Plattformen müssen allerdings zuvor nachweisen, dass sie „sicher“ sind, zum Beispiel, indem sie keine Möglichkeit bieten, dass Fremde Kontakt aufnehmen können.

Öffentlich auf die Schulbühne gebracht hatte das Thema die Katholische Akademie „Die Wolfsburg“ in Zusammenarbeit mit dem Stabsbereich Kommunikation und dem Ressort Kulturentwicklung des Bistums Essen. Die Diskussion machte deutlich, dass die Frage nach einem angemessenen Umgang mit sozialen Medien junge Menschen, Eltern, Schulen und Politik gleichermaßen beschäftigt. Auch von kirchlicher Seite soll die gesellschaftliche Debatte deshalb weiter begleitet werden.

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