SEELISCHE GESUNDHEIT
Fundament für ein erfülltes Leben in allen Lebensphasen
Seelische Gesundheit ist vielschichtig. In den letzten Jahren hat sie zunehmend an Aufmerksamkeit in Wissenschaft und Öffentlichkeit gewonnen. Besonders in Zeiten sozialer Umbrüche, während der Corona-Pandemie und angesichts eines steigenden Bewusstseins für psychische Erkrankungen ist die Bedeutung einer stabilen seelischen Gesundheit für das Wohlbefinden von Individuen und Gesellschaften nicht mehr zu übersehen.
Seelische Gesundheit umfasst dabei nicht nur die Abwesenheit psychischer Erkrankungen, sondern auch das Vorhandensein positiver Gefühle, einer stabilen Identität und der Fähigkeit, mit Stress und schwierigen Lebensumständen gesund umzugehen.
Doch was bedeutet seelische Gesundheit genau? Und wie beeinflussen bestimmte Lebensphasen, wie das höhere Alter und die Jugend, unser seelisches Wohlbefinden?
Die verschiedenen Dimensionen seelischer Gesundheit
Der Begriff „seelische Gesundheit“ kann auf verschiedene Weise verstanden werden. Der allgemein akzeptierte Begriff der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschreibt seelische Gesundheit als einen „Zustand des Wohlbefindens, in dem der Einzelne seine Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Belastungen des Lebens bewältigen, produktiv arbeiten und zu seiner Gemeinschaft beitragen kann“. Diese Definition legt den Fokus auf die Fähigkeit, mit Herausforderungen umzugehen und ein erfülltes Leben zu führen. Seelische Gesundheit ist demnach kein Zustand der Perfektion, sondern ein dynamischer Prozess, der von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird – sowohl inneren als auch äußeren.
In einem weiteren, integrativen Sinne umfasst seelische Gesundheit die psychische, emotionale, soziale und spirituelle Ebene eines Menschen. Diese verschiedenen Dimensionen sind miteinander verwoben und beeinflussen sich gegenseitig. Das emotionale Wohlbefinden etwa ist nicht nur das Fehlen von Angst oder Depression, sondern auch das Erleben von Freude, Dankbarkeit und Liebe. Ebenso ist das soziale Wohlbefinden ein zentraler Bestandteil, da stabile soziale Beziehungen und eine unterstützende Gemeinschaft positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben. Eine spirituelle Dimension, die gerade auch im Erleben existentieller Herausforderungen wie Krankheit oder Verlust eines geliebten Menschen von Bedeutung ist, bezieht sich auf die Frage nach Sinn, Glauben und Zugehörigkeit. Eine starke spirituelle Orientierung kann Resilienz fördern und helfen, existenzielle Krisen zu meistern.
Seelische Gesundheit im höheren Lebensalter
Im höheren Lebensalter kommt der seelischen Gesundheit eine besondere Relevanz zu. Die Lebensqualität älterer Menschen wird zunehmend von psychischen und sozialen Faktoren beeinflusst. Altersbedingte Veränderungen wie der Verlust körperlicher Gesundheit, der Rückzug aus dem Arbeitsleben oder das Sterben von Freunden und Angehörigen können das emotionale Wohlbefinden erheblich beeinträchtigen. Dabei zeigen Studien, dass viele ältere Menschen unter psychischen Belastungen wie Einsamkeit und Depression leiden.
Einer Studie des Robert Koch-Instituts (RKI) aus dem Jahr 2022 zufolge zeigt sich, dass etwa jeder vierte ältere Mensch in Deutschland unter depressiven Symptomen leidet. Dabei sind vor allem Frauen und Menschen mit niedrigem sozialen Status betroffen. Diese Erkenntnisse verdeutlichen, dass die seelische Gesundheit im höheren Alter eine vielschichtige Herausforderung darstellt, die durch verschiedene Faktoren wie körperliche Erkrankungen, Isolation oder die Wahrnehmung des eigenen Lebensabschlusses beeinflusst wird.
Der Verlust enger sozialer Beziehungen stellt dabei einen zentralen Risikofaktor für die Entstehung seelischer Erkrankungen im Alter dar. Die sogenannte „soziale Isolation“ hat sich als ein bedeutender Risikofaktor für Depressionen und Angsterkrankungen herausgestellt. Eine der Ursachen für Einsamkeit im Alter ist der Verlust familiärer und sozialer Bindungen, der häufig mit einer zunehmenden Reduzierung sozialer Kontakte einhergeht. Darüber hinaus spielen der Verlust der Erwerbstätigkeit, körperliche Gebrechlichkeit und auch die zunehmende Wahrnehmung des eigenen Lebensendes eine Rolle in der seelischen Belastung älterer Menschen.
Es zeigt sich jedoch auch, dass ältere Menschen in einer unterstützenden Gemeinschaft, die auf Vertrauen und Geborgenheit basiert, weniger anfällig für psychische Erkrankungen sind. Ein aktives Engagement in sozialen oder religiösen Gruppen kann das Gefühl der Einsamkeit mindern und dazu beitragen, die Lebensqualität zu erhöhen. In diesem Zusammenhang hat sich in verschiedenen Studien – zum Beispiel in der Studie von Cohen et al. von 2023 – gezeigt, dass die Teilnahme an religiösen Aktivitäten vor psychischen Belastungen im Alter schützen kann. Ein tiefes Vertrauen in den Glauben sowie die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft bieten älteren Menschen nicht nur Trost, sondern auch ein stabilisierendes soziales Netzwerk.
Einsamkeit und seelische Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen
Auch die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen stellt eine Herausforderung für die Gesellschaft dar. Die Pubertät ist eine Lebensphase, in der sich viele junge Menschen in einem Zustand der Verunsicherung und der Identitätsfindung befinden. Gerade da können seelische Belastungen wie Einsamkeit besonders schwerwiegende Auswirkungen haben. Eine Studie der Universität Leipzig von 2023 zeigt, dass 30 Prozent der Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren an regelmäßiger Einsamkeit leiden. Diese Einsamkeit ist nicht nur ein vorübergehendes Phänomen, sondern kann langfristige Folgen für die psychische Gesundheit haben.
Einsamkeit in der Jugend kann in verschiedenen Formen auftreten: Sie kann sich in einem Gefühl der sozialen Isolation äußern, in dem das Gefühl vorherrscht, von der Welt und den Mitmenschen nicht verstanden zu werden. Auch der zunehmende Druck der sozialen Medien spielt dabei eine Rolle, da viele Jugendliche das Gefühl haben, nicht mithalten zu können oder nicht der gesellschaftlichen Norm zu entsprechen. Psychische Erkrankungen wie Depressionen, Ängste oder Essstörungen können die Folge von langfristiger Einsamkeit und sozialer Isolation sein.
Besondere Aufmerksamkeit verdient auch die Rolle der Familie und der Schule für die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Die Familie ist ein prägendes System für die seelische Entwicklung, wobei ein funktionierendes, unterstützendes Umfeld das Risiko von seelischen Erkrankungen verringern kann. Studien belegen, dass Eltern, die ihren Kindern emotionale Unterstützung bieten und stabile Beziehungen aufbauen, das Risiko von Depressionen und Angststörungen senken können (Kessler et al., 2020). Doch gerade in Krisenzeiten, wie sie etwa aufgrund der Corona-Pandemie entstanden sind, können diese familiären Schutzfaktoren ins Wanken geraten.
Seelische Gesundheit: Eine Aufgabe für Einzelne und die Gesellschaft
Seelische Gesundheit ist ein unverzichtbarer Bestandteil des menschlichen Lebens – ganz gleich in welcher Lebensphase. Während ältere Menschen insbesondere mit der Einsamkeit und den psychosozialen Belastungen des Alters konfrontiert sind, erfahren Kinder und Jugendliche durch soziale Isolation, familiäre Belastungen und den Druck der modernen Welt ähnliche seelische Leiden. In beiden Fällen zeigen aktuelle Studien, dass soziale Unterstützung, sei es durch die Familie, die Gemeinschaft oder den Glauben, eine wesentliche Rolle für die seelische Resilienz spielt.
Es bleibt zu hoffen, dass die seelische Gesundheit noch stärker in den Mittelpunkt gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Diskussionen rückt. Gerade in einer Gesellschaft, die zunehmend von Individualismus und Digitalisierung geprägt ist, müssen wir auf das Wohl unserer Mitmenschen achten und einen Raum für Gemeinschaft und Unterstützung schaffen.
| Dr. Anna Storms
Die Wolfsburg macht mit!
Die bundesweite Woche der Seelischen Gesundheit möchte auf die unterschiedlichen Strategien zur Bewältigung und auf das vielfältige psychosoziale Hilfsangebot in Deutschland aufmerksam machen sowie zum gemeinsamen Austausch und zu gegenseitiger Unterstützung aufrufen. Die Woche wird organisiert vom Aktionsbündnis Seelische Gesundheit und jährlich beteiligen sich deutschlandweit rund 50 Regionen und Städte mit mehr als 800 Events vor Ort und online. 2025 macht erstmals auch die Wolfsburg mit!
Die Woche der Seelischen Gesundheit 2025 legt dabei den Fokus auf die zahlreichen präventiven Angebote und findet vom 10. bis 20. Oktober in ganz Deutschland statt. Fragen zur Aktionswoche und zum Online-Kalender bitte per E-Mail an koordination@seelischegesundheit.net oder telefonisch unter +49 30 24 04 772 27.
