Ministerpräsident Hendrik Wüst wirbt für Vertrauen durch Wahrhaftigkeit

Sommerempfang von Bischof Overbeck

Wie kann trotz aller Polarisierung Vertrauen in Politik, Kirche und Gesellschaft wachsen? Darüber haben NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst und Bischof Franz-Josef Overbeck beim Sommerempfang in der Mülheimer Bistumsakademie Die Wolfsburg gesprochen. Im Mittelpunkt standen Wahrhaftigkeit, Integration und der gesellschaftliche Zusammenhalt.

„Wir gewinnen Vertrauen der Menschen in Staat und Demokratie zurück, wenn die Menschen die Politik als handlungsfähig wahrnehmen.“ Mit diesem Satz wirbt NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst beim Sommerempfang von Bischof Franz-Josef Overbeck für mehr Ehrlichkeit in Politik und Gesellschaft. „Parteien und Regierungen haben in den vergangenen Jahrzehnten manchmal mehr versprochen, als man am Ende leisten konnte“, bekennt der CDU-Politiker, der am Montagabend als Ehrengast in die Mülheimer Bistumsakademie Die Wolfsburg gekommen war, im Gespräch mit dem Bischof. Deshalb brauche es nun „einen ehrlichen Diskurs darüber, was Priorität hat, was machbar ist“, so Wüst-

Dass auch die Kirche immer wieder um neues Vertrauen werben muss, betont Generalvikar Klaus Pfeffer. In seinem Grußwort verweist er auf den jüngst vorgestellten Zwischenbericht zur Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe gegen den Essener Gründungsbischof Franz Kardinal Hengsbach: „Wir sollten vorsichtig sein, Menschen auf einen Sockel zu heben oder sie gar mit einer spirituellen Macht zu überhöhen, die sie unantastbar und nicht hinterfragbar macht“, sagt Pfeffer. Ausdrücklich begrüßt er auch Betroffene von sexualisierter Gewalt unter den rund 450 Gästen des Sommerempfangs. „Vertrauen schenken sollten wir nur solchen Menschen, die ehrlich das Miteinander suchen und die Perspektiven der anderen wirklich sehen und hören, um mit ihnen das Leben in unserer Welt zu gestalten“, so der Generalvikar.

Der Umgang mit Zugewanderten ist für Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck eine der wichtigsten politischen Fragen, wenn er auf das Bistum Essen mit dem Ruhrgebiet und dem Märkischen Sauerland schaue. „Wo Integration nicht gelingt, sind die Zuwächse für identitäre und extremistische Parteien größer als dort, wo sie klappt.“ Wüst nennt als bestes Rezept gegen extremistische Parteien: „eine handlungsfähige politische Mitte, die die Probleme der Menschen sieht und angeht.“ Neben Handlungsfähigkeit müsse die politische Mitte aber auch Selbstbewusstsein zeigen. „Das entscheidet sich auch anhand der großen sozialen Fragen unserer Zeit, die zunehmend von extremistischen Parteien für ihre Zwecke instrumentalisiert werden“, so Wüst. Die Bundesregierung habe ihre Gestaltungskraft in den vergangenen Wochen unter Beweis gestellt. „Es gibt Entscheidungen für eine verlässliche Rente oder für die Stabilisierung der Krankenversicherung.“ Trotz teils berechtigter Kritik im Detail ist der Ministerpräsident überzeugt: „Dafür, dass es im Großen und Ganzen verlässlich weitergeht, gibt es in der Bevölkerung auch Rückhalt und Vertrauen.“

Foto: Nicole Cronauge | Bistum Essen

Wüst sieht wichtige Rolle für Kirche: Gesprächs- und Begegnungsräume schaffen

Für eine kompromissfähige Gesellschaft „braucht es einen funktionierenden Staat, das ist die Grundvoraussetzung“, sagt Wüst. Neben allen praktischen Fragen sehe er jedoch „auch das Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenhaltes bedroht. Zum einen wird das, was ist, heute immer öfter in Frage gestellt – etwa durch sogenannte alternative Fakten oder Fake News.“ Zum anderen „reden wird nicht nur immer weniger über dieselbe Faktenlage, sondern auch immer weniger miteinander.“ Es fehle zunehmend an einer gemeinsamen Öffentlichkeit, „weil sich viele Menschen immer mehr in ihren jeweiligen Filterblasen bewegen“. Laut Wüst könne hier die Kirche „eine wichtige Rolle spielen, die sie in der Vergangenheit schon einmal hatte: Räume schaffen und Menschen wieder zusammenbringen, die sich sonst im Alltag gar nicht mehr begegnen würden“, so der Ministerpräsident.

Jesus Christus, „Genie für Geschichten aus der Lebenswirklichkeit der Leute“

Wahrheit müsse auch durch Geschichten verbreitet werden, sagt Bischof Overbeck – und verweist auf Jesus Christus, „ein Genie, wenn es um Geschichten aus der Lebenswirklichkeit der Leute geht“. Heute sei die Gesellschaft indes deutlich differenzierter, deshalb sei es schwieriger, „Bilder zu erzeugen, die die Menschen von innen anrühren“. Auch Wüst betont: „Am Ende sehnen sich die Menschen nach gemeinsamen Erzählungen. Egal ob im Großen oder im Kleinen – wir brauchen konkrete, verbindende Bilder, damit wir als Gesellschaft gut funktionieren können.“

So wie bei einem der Lieblingsthemen des Ministerpräsidenten: der NRW-Olympiabewerbung. Wüst verweist auf die erfolgreichen Bürgerentscheide in der Region KölnRheinRuhr und betont: „Jetzt würde man annehmen: Nach allem, was wir über die strukturellen Herausforderungen im Ruhrgebiet wissen, hätte eine solche Wahl zum Beispiel in Gelsenkirchen auch scheitern können.“ Doch das Gegenteil sei der Fall gewesen: „Trotz aller Probleme haben die Menschen in Gelsenkirchen mit überwältigender Mehrheit, rund 74 Prozent, für die Spiele gestimmt. Das zeigt: Die Menschen dort haben Lust auf Olympia, sie sind stolz auf ihre Region, ihre Arenen und auf das, was dort auf die Beine gestellt wird. Und natürlich freuen sie sich auch, dass Schalke wieder aufgestiegen ist“, sagt der 1.-FC-Köln-Anhänger Wüst. Dafür gibt’s in der Wolfsburg reichlich Applaus – nicht nur von den Schalke-Fans Overbeck und Pfeffer. (tr)

Foto: Nicole Cronauge | Bistum Essen

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