„Menschenwürde darf nicht abgestuft werden“ – Bischof Overbeck diskutiert über Behinderung und Inklusion
Rat für Gesundheit und Medizinethik
Bei der Jahrestagung des Rats für Gesundheit und Medizinethik mahnte Bischof Franz-Josef Overbeck am Montagabend in der „Wolfsburg“, die Menschenwürde niemals nach Nützlichkeit zu bewerten. Experten diskutierten über Inklusion, Pränataldiagnostik und die gesellschaftliche Stellung von Menschen mit Behinderung.
„Zwischen unbedingt lebenswert und gesellschaftlich ungewollt“ – unter diesem Titel diskutierte der bischöfliche Rat für Gesundheit und Medizinethik bei seiner Jahrestagung in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ am Montagabend die Art und Weise, wie die Gesellschaft mit Behinderungen umgeht. Wie relevant dieses Thema ist, machte der Ratsvorsitzende Christoph Hanefeld vom St. Elisabeth-Hospital im Katholischen Klinikum Bochum deutlich: Zehn Prozent der deutschen Bevölkerung gelten durch eine Minderung ihrer Erwerbsfähigkeit um mindestens 50 Prozent als „schwerbehindert“.
Overbeck: „Die Menschenwürde gilt für jeden Menschen.“
Bischof Franz-Josef Overbeck betonte: „Die Menschenwürde gilt für jeden Menschen, und als Christen glauben wir daran, dass jeder Mensch als ein Geschöpf Gottes nicht nur aus sich selbst heraus ist, was er ist.“ Diese Erkenntnis speist sich für den Ruhrbischof gleichermaßen „aus der Heiligen Schrift wie aus der philosophischen Aufklärung.“ Die Menschenwürde „gilt für alle Menschen. Dabei kann es keine Abstufungen geben“. Deshalb dürfe die Gesellschaft die Menschen nicht „nach ihren Fähigkeiten einsortieren, sondern müsse darum bemüht sein, Menschen zu befähigen.“ Deshalb unterhalte das Bistum Essen mit der Jordan-Mai-Schule in Gladbeck auch eine eigene Förderschule für Menschen mit einer geistigen Behinderung. „Denn“, so Overbeck, „es gibt Formen der Befähigung, die sich der Systematik des Regelschulsystems entziehen.“ Der Ruhrbischof forderte alle Christinnen und Christen auf, „allen politischen Extremismen entschieden entgegenzutreten, und ihnen Einhalt zu bieten, wenn sie den Versuch unternehmen, die Menschenwürde abzustufen und Menschen allein nach ihrer Nützlichkeit zu bewerten.“



Warnung vor zunehmender Kommerzialisierung der Pränataldiagnostik
Die Biologin und Philosophin Sigrid Graumann, Rektorin der Evangelischen Fachhochschule in Bochum, warnte mit Blick auf die Pränataldiagnostik vor deren zunehmender Kommerzialisierung und davor, „Eltern, die ein behindertes Kind erwarten, mit der ethischen Verantwortung alleinzulassen und sie damit zu überfordern.“ Wie Overbeck sieht Graumann „es als eine wichtige ökumenische Aufgabe, einem sozialpolitischen und sozialethischen Rollback entgegenzuarbeiten.“ In diesem Zusammenhang plädierte sie für eine gerechtere Steuerpolitik, um die sozialpolitischen Aufgaben unserer Gesellschaft finanzieren zu können und warnte vor einer Renaissance der Eugenik, also der besonders im Nationalsozialismus praktizierten Unterscheidung zwischen wertvollem und nicht wertvollem Leben. Mit Blick auf den Arbeitsmarkt in den USA und das Bildungssystem in Italien machte Graumann deutlich, dass Inklusion gelingen könne, wenn der gesellschaftliche Wille dafür vorhanden sei und die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür geschaffen würden.


Rothenberg: „Menschen mit Behinderung sind in unserer Gesellschaft nicht gewollt.“
Die Diplom-Pädagogin Birgit Rothenberg, die sich als Gründungs- und Vorstandsmitglied im Verein Mobile für ein selbstbestimmtes Leben Behinderter einsetzt, ließ keinen Zweifel an ihrer Einschätzung, „dass Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft nicht gewollt sind.“ Sie forderte von den Selbsthilfeorganisationen, den Trägern von Hilfseinrichtungen und von den Sozialverbänden, „mehr Solidarität untereinander“ und die Bereitschaft: „lauter zu werden, wenn es darum geht, für die Rechte aller behinderten Menschen einzutreten.“ Auch wenn Rothenberg mit Blick auf die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, das Bundesteilhabegesetz und das Sozialgesetzbuch rechtliche Fortschritte einräumt, sieht sie behinderte Menschen vor allem auf dem Arbeitsmarkt, aber auch auf dem Wohnungsmarkt und beim Thema Familiengründung strukturell benachteiligt. Auf dem Arbeitsmarkt, so Rothenberg, hätten Behinderte oft nur dann eine Chance, wenn sie in Mangelberufen, wie Chemiker, Ingenieur oder Informatiker hochqualifiziert seien. In anderen Berufsfeldern, werde ihnen oft fehlende Leistungsfähigkeit unterstellt und vorhandene finanzielle, technische und personelle Unterstützungsleistungen würden gar nicht erst in Anspruch genommen. Vor allem im Ruhrgebiet beklagt sie zu lange Wartezeiten für Eltern behinderter Kinder, wenn es um deren Frühförderung gehe. (T.E. / tr)

INFO: Die meisten Behinderungen entstehen durch Krankheiten
Der Vorsitzende des bischöflichen Rates für Gesundheit und Medizinethik, Christoph Hanefeld, wies darauf hin, dass nur drei Prozent der behinderten Menschen in Deutschland mit ihrer Behinderung geboren sind, während 90 Prozent ihre Behinderung erst im Laufe ihres Lebens krankheitsbedingt erwerben. Laut IT NRW leben in Nordrhein-Westfalen derzeit 1,94 Millionen Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung, von denen 80 Prozent älter als 54 Jahre sind.
INFO: Gemeinsame Veranstaltung von Rat, Jordan-Mai-Schule und Franz-Sales-Haus
Neben dem Bischöflichen Rat für Gesundheit und Medizinethik waren die nach dem aus dem Ruhrgebiet stammenden Franziskanerbruder Jordan Mai (1866-1922) benannte Bischöfliche Förderschule für geistige Entwicklung in Gladbeck (www.jordan-mai-schule.de) und das Franz-Sales-Haus (www.franz-sales-haus.de) in Essen, in dem Menschen mit und ohne Behinderung zusammen leben, wohnen, lernen und arbeiten, Mitveranstalter der Tagung.


Text: Thomas Rünker | Bistum Essen
Foto: Christian Schnaubelt | Bistum Essen
