Keine Angst vor dem Leben!
Im Wolfsburg-Interview: Journalist und Autor Uwe Schulz
Wie der Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer in unsicheren Zeiten zu einer christlichen Haltung inspirieren kann
Aktuell spitzen sich die Krisen in der Welt und in Deutschland spürbar zu. Nicht zuletzt durch die Wiederwahl Donald Trumps ins Weiße Haus ist die Unsicherheit vor der Zukunft für viele Menschen noch größer geworden. Geostrategische und ökonomische Gewissheiten sind erschüttert, Grundpfeiler des Zusammenlebens in einer liberalen Demokratie geraten angesichts des Erstarkens rechtspopulistischer Kräfte mit ihrem Kampf gegen „Wokeness“ und Vielfalt ins Wanken. Wer kann in diesen unsicheren Zeiten Orientierung bieten?
Für den Journalisten und WDR 5-Moderator Uwe Schulz ist der evangelische Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer, der am 9. April 1945 auf Befehl Adolf Hitlers im KZ Flossenbürg hingerichtet wurde, schon lange eine Art Lebensbegleiter. Warum das so ist, darüber hat Akademiedozent Dr. Jens Oboth mit ihm gesprochen.
Oboth: Herr Schulz, welchen persönlichen Bezug haben Sie zu Dietrich Bonhoeffer?
Schulz: „Vor einiger Zeit hat mich ein Kollege angerufen, der vor Jahren mein Buch mit Interviews zu Dietrich Bonhoeffer lektoriert hat. Ihm war mein Satz daraus nachgegangen: „Bonhoeffer ist mein Seelsorger.“ Und ich glaube, so steil die Formulierung ist, sie gilt heute immer noch. Dietrich Bonhoeffer war mir immer wieder so etwas wie ein Psalmist. Er hat treffende Worte, um diffuse Seelenzustände auszudrücken. Das erste Mal in einer Lebensphase, in der ich binnen weniger Monate eine erschöpfende und langwierige Virusinfektion zu verarbeiten hatte, eine zerbrochene Beziehung, die Diagnose einer schweren Krankheit bei meiner Mutter und den Unfalltod eines Freundes. Bei Dietrich Bonhoeffer habe ich gelernt, das als Realität anzunehmen und mich damit „Gott in die Arme zu werfen“, wie er es ausdrückt.
Oboth: Bonhoeffer hat Sie also in persönlichen Krisenzeiten begleitet. Hat er denn auch Ihre Arbeit als Journalist beeinflusst?
Schulz: Unbedingt! Als Journalist ermutigt mich seine Idee, biblische Begriffe „nichtreligiös“ zu interpretieren, Evangelium auch sprachlich immer wieder neu zu vergegenwärtigen. Wo es schließlich um gesellschaftliche Zusammenhänge geht, da hilft mir der Lutheraner Bonhoeffer, mit Menschen in politischer Verantwortung gleichzeitig hart und mild umzugehen. Er weist sie immer wieder auf ihre Verantwortung vor Gott als Träger eines „Mandats“ hin. Das ist ein Kompass, wenn wir über Demokratie und Autokratie reden.
Ein Beispiel: Meine Eltern waren Jahrgang 1935, sind also gut neun Jahre lang totalitären Mechanismen ausgesetzt gewesen. Sie verdanken Menschen wie Bonhoeffer das Vertrauen in einen Staat ohne Führer und letztlich den Mut, Demokratie zu wagen. So fließt dann für mich alles zusammen – Persönliches, Spirituelles, Privates, Berufliches, Staatsbürgerliches: Bonhoeffers Leben ist eine einzige Predigt an mich und ans Volk vom Erkennen und Tun „des Gerechten“, wie er es nennt. Ich predige zwar nicht, aber ich kommuniziere so ausgewogen wie möglich Fakten auf derselben ethischen Grundlage.
Oboth: „Was hat Sie dazu veranlasst, ein Buch über Dietrich Bonhoeffer zu schreiben? Es gibt ja bereits viele wegweisende Biographien. Was bringt Ihr Buch also Neues?“
Schulz: „Ihre Frage war auch meine erste an den Verlag, als er mit dem Vorschlag auf mich zukam, etwas Zugängliches, Kompaktes, Frisches zu schreiben, gerne ans jüngere Publikum gerichtet. Ich war wirklich der Meinung, es sei nun alles gesagt, was über Bonhoeffer zu vermitteln ist. Dann häuften sich die Momente, in denen sein Name in unerwarteten Zusammenhängen erschien: Das war während der ersten Regierungszeit von Donald Trump bereits der Fall. Ausgerechnet er hat Dietrich Bonhoeffer eine Gedenkplakette in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg gewidmet. Das war in Europa bei Kundgebungen während der Pandemie zu sehen und zu hören – als würden Dietrich Bonhoeffers „gute Mächte“ allein vor dem Virus schützen – oder vor staatlichen Eingriffen in die bürgerliche Freiheit. Die Vereinnahmung gipfelt heute in den Versuchen von Menschen wie dem ehemaligen Journalisten Peter Hahne oder Björn Höcke von der AfD, Bonhoeffer als Zeugen aufzurufen für ihren sogenannten „Widerstand“ heute.
BONHOEFFERS LEBEN IST EIN EINZIGER AUSDRUCK DES GLAUBENS, DASS DIESE WELT GLEICHZEITIG TODGEWEIHT IST WIE DER LEIDENDE CHRISTUS UND EINE UNENDLICHE LEBENSPERSPEKTIVE HAT WIE DER AUFERSTANDENE. UND DASS DAS PRALLE MENSCHLICHE LEBEN VOM ERSTEN BIS ZUM LETZTEN ATEMZUG INDIVIDUELL SO WERTVOLL IST, DASS ES DER SCHÖPFER SELBST GELEBT HAT.
Oboth: Also Dietrich Bonhoeffer wird ausgerechnet von Ultrakonservativen und Rechtsextremisten instrumentalisiert…
Schulz: Auf der anderen Seite des politischen Spektrums gab es hier und da ebenfalls eine ähnliche Zitat-Häppchen-Kultur – vor allem sein fast schon legendärer Satz mit dem Gedanken, dem „Rad in die Speichen zu fallen“. Den habe ich zum Beispiel auch aus der Klimaschutz-Bewegung gehört. Vielen scheint der Kontext nicht geläufig zu sein, weder geschichtlich noch theologisch.
Ich hatte schon vorher den Eindruck, Dietrich Bonhoeffers Glaubenskultur und seine unbestechliche Ethik seien hochaktuell, gerade weil sie unweigerlich politische Folgen haben. Das war also ein wiederkehrender Hinweis für mich, hier könnte etwas zu klären sein.
In einer polarisierten Gesellschaft, in der sich bevorzugt Radikale sein geistiges Erbe systematisch einverleiben, ist es vielleicht doch noch einmal an der Zeit, eine erzählerische Orientierungshilfe anzubieten, gerade jüngeren Menschen, die in den Fragen und Konflikten der 2020er Jahre ihr Leben gestalten. „Intellektuell redlich“, so hat es Dietrich Bonhoeffer genannt, und gleichzeitig im schönsten Sinne inspirierend, sollte das Buch sein. So etwas gibt es ja selten im Paket: präzises Denken, leidenschaftlicher Glauben und pralles Leben im Hier und Jetzt. Auf meinen Social Media-Accounts ist mir die Formulierung eingefallen: „Dietrich ist so 2025!“
Oboth: „Sie haben Ihrem Buch den Titel ‚Keine Angst vor dem Leben‘ gegeben. Aktuell überschlagen sich aber die Krisen: Wir haben nach wie vor den Krieg in der Ukraine, Donald Trump trifft mit seiner Politik des „Make America great again“ grundstürzende Entscheidungen mit Folgen für die ganze Welt – Ende ungewiss. Dazu haben rechtspopulistische Kräfte starken Auftrieb. Viele Menschen haben angesichts dieser Gemengelage einfach Angst. Sie fühlen sich nicht ‚von guten Mächten treu und still umgeben‘, um Bonhoeffers berühmtesten Text noch einmal zu zitieren, sondern dunklen Mächten hilflos ausgeliefert. Manche schotten sich inzwischen von diesen negativen Nachrichten ab. Inwiefern bietet Dietrich Bonhoeffer hier Anlass für Hoffnung und Zuversicht?
Schulz: Bevor ich mit der Recherche und dem Schreiben angefangen habe, hatte ich nur das diffuse Gefühl, dass es unbedingt ein ermutigendes Buch sein sollte, eines, das Hoffnung vermittelt in einer Zeit, die von Unsicherheit und Verzagtheit geprägt zu sein scheint. Dietrich Bonhoeffer ist offenkundig bis zu seinem gewaltsamen Tod diese Hoffnung nicht abhandengekommen – und das angesichts von Veränderungen, die wir für uns heute beschreiben mit Begriffen wie Disruption, Transformation, Zeitenwende.
Bonhoeffers Leben ist ein einziger Ausdruck des Glaubens, dass diese Welt gleichzeitig todgeweiht ist wie der leidende Christus und eine unendliche Lebens-Perspektive hat wie der Auferstandene. Und dass das pralle menschliche Leben vom ersten bis zum letzten Atemzug individuell so wertvoll ist, dass es der Schöpfer selbst gelebt hat – als Mann in der Baubranche und systemischer Coach und ganzheitlicher Gesundmacher.
Es ist ja inzwischen mein drittes Buch über sein Leben – jedes mit völlig anderen Akzentsetzungen und jeweils in die Zeit hineingeschrieben, in der es erschienen ist, alle von dem Eindruck geleitet, den Sie schildern. Bonhoeffers Glaube, seine Theologie findet in „der vollen Diesseitigkeit“ statt, wie er es nennt. Das ist ja das Moderne an ihm, das mich so für ihn einnimmt: Seine Erkenntnis, dass die meisten von uns doch mit einer Wirklichkeit konfrontiert sind, in der Gott gar keine Rolle zu spielen scheint. Den Schöpfer und Erlöser und Erneuerer aller Dinge in genau dieser Wirklichkeit wirken zu sehen und dabei nicht an Elend und Leid und Tod und Schuld zu zerbrechen, das ist Bonhoeffers Neuentdeckung der Bibel. Er sieht den Menschen ständig von Gott angesprochen.
Oboth: Worin zeigt sich diese Ansprache durch Gott konkret?
Schulz: Es lohnt sich hoffentlich für alle, die das Buch lesen, dass ich noch einmal in Originaltexte und zeitgenössische Zeugnisse eingestiegen bin. Sonst wäre uns vermutlich seine Predigt zur Konfirmation einer wirklich schwierigen Gruppe aus prekären Verhältnissen verborgen geblieben, aus der ich den Untertitel ableite. Dietrich Bonhoeffer predigte nämlich 1934 mitten ins Berliner Leben seelisch und materiell armer Arbeiterkinder, um die er sich übrigens auch ganz praktisch gekümmert hat – mit Essen und Erzählen und Spielen und Streiten und Ausflügen. In der Predigt trifft er als junger Pfarrer den Ton, nach dem ich gesucht habe: Jungen Menschen die Verantwortung aufzuzeigen, die sie in der Welt zu tragen haben, und ihnen die Gegenwart Gottes zuzusprechen, die sie leiten und stützen und wieder aufrichten will. Meines Wissens hat kaum einer dieser Konfirmanden den Krieg überlebt. Die Nazis haben sie schließlich alle an der Front verheizt. Hitlers Kriegslust vor Augen, die extremen gesellschaftlichen Spannungen Mitte der 1930er im Nacken – und dann so eine Predigt, die Mut macht zum Leben – das ist das Herzstück meines Buches. Worin sich Gottes Ansprache zeigt? Ich will jetzt nicht philosophischer wirken, als ich bin, – nur liegt die Antwort bereits in der Frage. Das ist ein Leitmotiv in Bonhoeffers Leben, wie ich es an konkreten Situationen entlang erzähle: immer wieder Ausschau zu halten, die Ohren offen zu halten, die Seele, auch die Bibel – und so die Ansprache wahrzunehmen. Und dann raus aus der Kontemplation und rein in die Aktion!
Oboth: „Dass Bonhoeffer kurz vor seinem Tod den eben genannten Text ‚Von guten Mächten‘ schreiben konnte, dafür musste er selbst die tiefsten existenziellen Abgründe durchleben. Sehen Sie eine Gefahr darin, dass Bonhoeffers Texte – böse gesprochen – heute vor allem als „Kalenderspruchweisheiten“ trivialisiert werden und demgegenüber sein Lebenszeugnis, als Christ und als Christin notfalls unter Einsatz des eigenen Lebens aufs Ganze zu gehen, nicht durchdringt? Oder, und das haben Sie bereits anklingen lassen, dass Bonhoeffer von der „falschen Seite“ vereinnahmt wird?“
Schulz: Als junger Journalistik-Student hatte ich die fröhliche Chuzpe, ein exklusives Interview mit dem betagten Eberhard Bethge und seiner Frau Renate führen zu dürfen, also mit Dietrich Bonhoeffers Nichte und seinem besten Freund und Biographen. Sie haben in meiner Wahrnehmung nicht eifersüchtig über Bonhoeffers Erbe gewacht. Sie haben auch die schrägsten Simplifizierungen und theologischen Verkomplizierungen nicht brüsk abgewehrt, sondern sehr genau hingeschaut und hingehört. Eberhard Bethge hat mir prägnante Gedanken dazu aufs Tonband gesprochen. Zwei davon bilden das Rückgrat meines Buches.
Oboth: Welche waren das?
Schulz: Dietrich Bonhoeffer hat viele Fragmente und Lücken hinterlassen. Es ging gar nicht anders angesichts der Gestapo-Ermittlungen in seinen letzten Lebensjahren – als Mit-Verschwörer gegen Hitler mit dem Ziel, den Diktator am 20. Juli 1944 zu töten. Bethge sagt, die Leitfrage für uns alle, die wir bei Bonhoeffer Rat suchen, muss lauten: „Bin ich überhaupt noch bei ihm?“, oder bediene ich mich nur der Zitate, die mir genehm erscheinen? Der andere Satz, der sich mir eingebrannt hat, ist: „Dietrich hat genau gewusst, man kann nicht Märtyrer sein wollen. Aber es kann der Punkt kommen, wo zu zahlen ist.“ Als Bethge das sagt, kann er nicht ahnen, dass in den 2020er Jahren nicht nur US-amerikanische Evangelikale davon fantasieren würden, in ihrem Kampf gegen Wokeness und Liberalismus und Diversität werde unbedingt ihr „Bonhoeffer-Moment“ kommen. Im Buch bringe ich es auf die Formel: „Dietrich wollte weder die Wahrheit opfern noch sich selbst.“ Ich hoffe, das schützt die christliche Gemeinde vor billigen Kompromissen mit dem Zeitgeist genauso wie vor einer selbstauferlegten Märtyrerhaltung.
Oboth: Die Vereinnahmung Bonhoeffers ist die eine Gefahr, die seiner Banalisierung aber die andere, oder?
Schulz: Natürlich sind ein paar schmucke Sentenzen, die nur kleine Ausschnitte aus Bonhoeffers Glaube und Denken widerspiegeln, nicht mehr als Schnappschüsse einer komplexen Gestalt. Es ist mir aber lieber, er bleibt uns auch acht Jahrzehnte nach seinem Tod auf diese Weise zugänglich, als dass er nach und nach im Grau einer Erinnerungskultur verschwindet, die für meine Begriffe dringend in jeder Generation eine Auffrischung braucht. „Judenverfolgung, Auschwitz, Holocaust“, das klingt doch aus völlig nachvollziehbaren Gründen für junge Menschen heute nicht anders als für meine Generation im gleichen Alter „Dreißigjähriger Krieg, Inquisition, Christenverfolgung in Rom“. Da ist mir eine dünne Spruchkarte zur Vergegenwärtigung lieber als gar keine Brücke in die Vergangenheit.
Oboth: Worin kann Ihrer Meinung nach Bonhoeffer als Vorbild für eine christliche Haltung in unseren Zeiten stehen? Was würde diese auszeichnen? Dies nicht zuletzt in Mitteleuropa, wo nicht nur die kirchliche Bindung, sondern auch die Religiosität überhaupt messbar zurückgeht?
Schulz: Ich sehe, dass uns hier im Interview die Zeit davonläuft. Deshalb entgegne ich ausnahmsweise nur mit einem Zitat; im Buch gehe ich damit relativ sparsam um. Aber Dietrich Bonhoeffers Formulierung ist einfach konkurrenzlos als Antwort auf Ihre Frage: „Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neu geboren werden aus diesem Beten und diesem Tun.“ Mein Eindruck ist, dass nur eine christliche Minderheit beides gleich intensiv tut. Dabei ist der Gedanke so alt wie jüdisch-christliche Glaubenszeugnisse, die Benediktsregel und Martin Luthers Wort: „Bete, als ob alles Arbeiten nichts nützt,“ und arbeite, als ob alles Beten nichts nützt.‘ Dietrich Bonhoeffer hat es offenkundig so gehalten. Und zu Ihrem Stichwort ‚Religiosität‘ wäre jetzt noch sehr viel Kritisches zu zitieren. Das können wir ja dann anlässlich seines 120-jährigen vertiefen, am 4. Februar 2026.
| Dr. Jens Oboth
ZUR PERSON
Uwe Schulz, Jahrgang 1966, ist freier Autor und Journalist, der sich seit Jahrzehnten intensiv mit Fragen nach gesellschaftlichem Zusammenhalt und politischen Entscheidungen in Vergangenheit und Gegenwart befasst. Regelmäßig ist er als Radio- und Podcast-Host vor allem im WDR-Angebot zu hören und immer wieder als Speaker, Gastprediger und Erzähler gehaltvoller Geschichten. Der gelernte Diplom-Journalist, Medienmacher und -trainer ist verheiratet und im Herzen ein Kind des Ruhrgebiets.
