Gesundheitsversorgung der Zukunft: Prävention und Eigenverantwortung im Fokus
Wie kann eine sozial gerechte und bezahlbare Gesundheitsversorgung trotz demografischem Wandel gelingen? Bei der Jahresveranstaltung des Rates für Gesundheit und Medizinethik im Bistum Essen diskutierte Bischof Franz-Josef Overbeck mit Expertinnen und Experten über Prävention, Eigenverantwortung und digitale Lösungen.
Können Gesundheitsförderung und Prävention mit Blick auf den demografischen Wandel die Schlüssel für eine sozial gerechte und bezahlbare Gesundheitsversorgung sein? Diese Frage diskutierte Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck am Dienstag, 26. August 2025, bei der Jahresveranstaltung des Rates für Gesundheit und Medizinethik mit Gästen aus dem Gesundheitswesen und der Gesundheitspolitik in der Mülheimer Bistumsakademie „Die Wolfsburg“.
Der Bischof, der selbst eine Krebserkrankung überstanden hat und sich mit morgendlichem Jogging fit hält, würdigte die Frohe Botschaft des Christentums, das Gebet und die Demokratie „als im besten Sinne heilsam und gesundheitsfördernd, weil sie uns helfen, angstfrei zu leben und unsere seelische Resilienz fördern.“ Die gleiche Wirkung entfaltet nach Overbecks Ansicht „ein werteorientiertes Familienleben“.
Angesichts des für ganz Europa relevanten demografischen Wandels, der den Anteil der jungen und arbeitsfähigen Bevölkerung schrumpfen und den der alten, kranken und pflegebedürftigen wachsen lässt, warnte der Wirtschaftswissenschaftler Boris Augurzky vom Essener RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung vor einer Rationierung gesundheitsbezogener Dienstleistungen. Die Tatsache, dass sich der Lohnanteil für Kranken-, Pflege- und Sozialversicherungen inzwischen auf 42 Prozent zubewege, erklärte er mit dem Umstand, dass sich die Zahl der Geburten seit dem Babyboom der 1960er Jahre halbiert habe.
Augurzky erinnerte daran, „dass wir in Deutschland jedes Jahr 12,5 Prozent unseres Bruttoinlandsproduktes, und damit rund 500 Milliarden Euro, in unser Gesundheitswesen investieren, aber im europäischen Vergleich mit 78,2 Jahren (bei Männern) und 82,9 Jahren (bei Frauen) nur eine unterdurchschnittliche Lebenserwartung haben, während wir mit den Kosten unserer Gesundheitsversorgung an der Spitze liegen“.



Eigenverantwortliche Gesundheitsfürsorge für Babyboomer
Neben dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz („vielleicht kommen ja irgendwann die Pflege-Roboter“) empfahl er den alternden Babyboomern durch eine eigenverantwortliche Gesundheitsfürsorge, „die eigene Arbeitsfähigkeit möglichst lange zu erhalten und die Pflegebedürftigkeit möglichst weit nach hinten zu verschieben.“ Der Arzt und grüne Gesundheitspolitiker Johannes Wagner und der Radiologe Johannes Haubold vom Universitätsklinikum Essen empfahlen, „den langweiligen, aber effektiven Verzicht auf Tabak, Alkohol und Zucker“ als vorbeugenden Gesundheitsschutz. Haubold und die Kommunikationswissenschaftlerin Constanze Rossmann von der Münchener Ludwig-Maximilian-Universität sehen in interaktiven und leicht verständlichen Smartphone-Apps ein geeignetes Medium, „um die Gesundheitskompetenz in unserer Bevölkerung zu fördern“.
Aus dem Publikum darauf angesprochen, räumte der Arzt und Bundestagsabgeordnete Wagner, ein, „dass es eine massive und finanziell gut ausgestattete Lobby der Ärzte und der Pharmaindustrie gebe, die schwer zu handhaben ist, und die massiv auf die politische Willensbildung Einfluss nimmt.“






Text: Dr. Thomas Emons
Foto: Oliver Müller| Bistum Essen
