Bonhoeffer als Inspiration für ein zeitgemäßes Christsein
Über den Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer haben in der Marktkirche Essen Generalvikar Klaus Pfeffer, Journalist und Biograph Uwe Schulz und Superintendentin Marion Greve gesprochen und auch erzählt, wie der 1945 hingerichtete Christ sie persönlich prägte und warum er gerade heute zu einem zeitgemäßen Christsein inspirieren kann.
„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag!“, zitierte der Vorstandsvorsitzende der BIB – Bank im Bistum Essen, Peter Güllmann, die wohl berühmtesten Zeilen Dietrich Bonhoeffers. Und er erklärte bei dem Podiumsgespräch am Mittwochabend (12.11.2025) in der Marktkirche in Essen auch, was ihm dieses Glaubensbekenntnis des 1945 von den Nationalsozialisten ermordeten evangelischen Theologen heute sagt. „Weil wir als Christen Gott vertrauen, können wir auch dem Leben vertrauen und aus der Liebe zum Guten handeln. Deshalb brauchen wir keine Angst vor dem Leben zu haben und können mit Mut leben. Wir brauchen uns nicht zurückzu ziehen. Wir können uns Menschen zuwenden. Wir können der Angst widerstehen, weil wir trotzdem hoffen dürfen und weil wir wissen, dass Kirche nur dann Kirche ist, wenn sie für andere da ist“, sagte Güllmann.
„Diese Kirche ist für einen Abend über Dietrich Bonhoeffer ein guter Ort, weil sie vom Zweiten Weltkrieg verwundet worden ist und mitten im Leben steht“, sagte Theologe Jens Oboth. Der Dozent der Katholischen Akademie “Die Wolfsburg“ moderierte das Podiumsgespräch mit der Superintendentin des Kirchenkreises Essen, Marion Greve, mit dem Generalvikar im Bistum Essen, Klaus Pfeffer, und mit dem Hörfunkjournalisten Uwe Schulz über den Theologen, der auch 80 Jahre nach seinem Tod katholische und evangelische Christen miteinander verbindet.



Bonhoeffers Briefe aus der Haft als Quelle von Trost und Mut
Für Generalvikar Klaus Pfeffer haben die Worte Bonhoeffers seit seiner Ausbildung in der Klinikseelsorge in den 1980er Jahren eine besondere Bedeutung. „Dort wurde ich mit Tod und Leid und auch mit meiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Seine Worte haben mich getroffen und nicht mehr losgelassen, weil sie nicht aus der Kirche, sondern aus dem Leben kommen und mir gezeigt haben, dass die Bibellektüre uns zeigen kann, wer Jesus Christus heute für uns und für mich ganz konkret sein kann.” Gerade in einer Zeit der Kirchenkrise machten Pfeffer die Briefe Bonhoeffers aus der Haft Mut und seien ein Trost, weil sie ihm zeigten, dass nicht alles von jedem allein abhänge. Bonhoeffers Biografie und seine Erfahrungen als Studentenseelsorger in Berlin seien für Pfeffer ein Beleg, „dass es die gute alte Kirche auch in den 1920er und 1930er Jahren nicht gegeben hat.“ Für den Essener Generalvikar ist Bonhoeffer auch heute noch ein Vorbild, „weil auch er Ängste hatte, mit denen er sich auseinandergesetzt hat und dann ganz bewusst Risiken eingegangen und für christliche Werte eingetreten ist.“
Bonhoeffers als Wegweiser in existenziellen Krisen
Uwe Schulz, Journalist und Bonhoeffer-Biograf, lernte den Theologen, Widerstandskämpfer und Märtyrer in einer existenziellen Lebenskrise mit Mitte 20 schätzen, vor allem als Seelsorger und redlichen theologischen Übersetzer des Alltags. „Er hat mir gezeigt: In der Bibel zu lesen, heißt: Gott spricht mit dir. Mich beeindruckt, dass dieser Mann, der von den Nationalsozialisten existenziell zerstört worden ist, sich nicht hat zerstören lassen.“ Für ihn ist Bonhoeffer mit seinem Lebensbeispiel „so heilig, wie wir es als Gemeinschaft der Heiligen auch sein können.“ Denn, so fragte Schulz: „Was hindert uns daran, Gott in uns zu tragen und der Kirche eine individuelle Gestalt zu geben, in dem wir Hungrige sättigen, Trauernde trösten, Gefangene besuchen und Sünden vergeben und so Menschen von der Knechtschaft der Depression befreien?“ Er habe mit Bonhoeffer gelernt, Brücken über die Risse in seinem Leben zu bauen, weil er wisse: „Egal wie tief ich falle, kann ich immer mit der Gnade Gottes rechnen.“ Zur Gnade Gottes und der persönlichen Einsicht gehört für Schulz aber auch die menschliche Bereitschaft zur Umkehr, deshalb betonte er mit Blick auf Bonhoeffer: „Für eine Vereinnahmung durch den Trumpismus und Pseudo-Christen steht er nicht zur Verfügung.“



Klare Abgrenzung: Christsein und extremistische Ideologien
Für die Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Essen, Marion Greve, ist Bonhoeffer angesichts aktueller Sorgen in einer krisengeschüttelten Welt „ein Beispiel der Unerschrockenheit und der Lebenserfahrung, dass Kirche bei den Menschen sein muss.“ Es mache ihr Mut, „dass man auch hier und jetzt in unserer Ruhrgebietsgroßstadt mit allen ihren Problemen Christ sein und im sozialen Tun für Menschen da sein kann.“ Beeindruckend findet die Essener Superintendentin die Scharfsichtigkeit Bonhoeffers, der schon lange vor 1933 begriffen habe, „dass man nicht gleichzeitig Christ und Nationalsozialist sein kann.“ Insofern mahne Bonhoeffer alle Menschen ,,zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Demokratie, der die andere Meinung auch mal stehen lassen könne und keine Angst vor Dialog und Kontroversen habe.“ Bonhoeffers Rat: „Lasst uns nicht mit Worten, sondern mit Taten lieben“, ist in ihren Augen eine zeitlose aktuelle Inspiration des Christseins.


Der 1966 in Kamen geborene und heute mit seiner Frau im Bergischen Land lebende Journalist, Autor und Coach Uwe Schulz ist seit 1993 als Moderator regelmäßig im WDR-Radio zu hören. Er hat 2025 im Brunnen-Verlag die Biografie „Dietrich Bonhoeffer: Keine Angst vor dem Leben – Biografische Momentaufnahmen“ veröffentlicht. Der Titel ist für 18 Euro im Buchhandel erhältlich. 1996 veröffentlichte er die Biografie „Dietrich Bonhoeffer – Ein abgebrochenes Leben“ und 2013 das Buch „Was wären wir ohne Dietrich Bonhoeffer?“
Text: Thomas Emons | Bistum Essen
Foto: Nicole Cronauge | Bistum Essen
