BND-Präsident Bruno Kahl und Bischof Overbeck diskutieren über Hoffnung und Verantwortung

Beim Sommerempfang des Bischofs von Essen diskutierten der Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Bruno Kahl, Bischof Franz-Josef Overbeck und Akademiedirektorin Judith Wolf über globale Krisen, die Bedeutung von Freiheit und Migration – und warum Hoffnung gerade jetzt unverzichtbar ist.

„Wir haben allen Grund dazu, an das Gute im Menschen zu glauben und daran, dass es letztlich die Oberhand behält!“ Dieses Hoffnung stiftende Plädoyer setzte der Noch-Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND) und baldige deutsche Botschafter im Vatikan, Bruno Kahl, am Montagabend als Schlusspunkt seiner Diskussion mit dem Essener Bischof Franz-Josef Overbeck und Judith Wolf, der Direktorin der Bistumsakademie „Die Wolfsburg“. Und die Erleichterung unter den rund 320 Gästen des Sommerempfangs von Bischof Overbeck angesichts dieser Mut machenden Worte war deutlich spürbar. Schließlich hatten Wolf, Kahl und Overbeck bis dahin rund eine Stunde lang praktisch einen globalen Kriegs- und Krisenherd nach dem anderen behandelt. 

Wolf nutzte die Chance, beim zentralen Programmpunkt des Sommerempfangs neben dem Bischof mit dem aus Essen stammenden Kahl – seit neun Jahren Chef des deutschen Auslandsgeheimdienstes – einen Interviewpartner zu haben, der kundig und erstaunlich offen und pointiert über die Situation in den verschiedensten Weltregionen berichtete. Mit Blick auf Russland etwa warnte Kahl davor, das Land könne „den Bündnisfall testen“. Dies werde nicht sofort geschehen – „wir gehen davon aus, dass Russland derzeit ausgelastet ist“ – und seiner Ansicht auch nicht „mit großen Panzerschlachten beginnen“. Die Frage sei jedoch, wie die Nato reagiert, „wenn Russland zum Beispiel mit ein paar Soldaten in ein baltisches Land einfällt, um der russischstämmigen Bevölkerung ,beizustehen’ oder eine ,kleine Grenzkorrektur’ auf Spitzbergen vornimmt“, so Kahl. „Die Nato ist besiegt, wenn ihr Schutzversprechen nicht mehr zieht“, betonte der BND-Präsident. Dies könne Russland mit kleinen Tests ausprobieren. „Das, was Russland fürchtet, ist nicht die Nato“, beschrieb Kahl. Auch Russland habe verstanden, dass die Nato kein aggressives Militärbündnis ist. „Aber das, was die Nato verteidigt – die Freiheit, die Menschenrechte – wenn das zu nah an Russland heranrückt, wird das als Bedrohung gesehen.“

Frage nach der Freiheit als roter Faden der Diskussion

Die Frage nach der Freiheit zog sich wie ein roter Faden durch die Diskussion auf dem Podium des Sommerempfangs. Bischof Overbeck hatte schon zu Beginn betont, dass „Freiheit die andere Seite der Menschenwürde sei“. Und Kahl hatte mit Blick auf seine neunjährige Amtszeit beim BND eine veränderte Sicht der Gesellschaft auf die deutschen Nachrichtendienste beschrieben: Seien diese früher von vielen als Fremdkörper oder gar Gefahr für die Gesellschaft beschrieben worden, nehme er heute einen breiten Konsens wahr, „dass wir Nachrichtendienste zum Schutz für die Freiheit berufen sind“.

Eine Freiheit, die es zunehmend zu verteidigen gilt, wie Kahl und Overbeck betonten. Kahl machte deutlich, dass nicht nur für die Geheimdienste in Russland, sondern auch für die in China klar sei, „dass Deutschland das Einfallstor nach Europa ist“. Deshalb spiele Putin „mit unseren Gemütszuständen“. Egal ob sein „nukleares Geraune“ oder Drohungen, Deutschland würde mit einer Taurus-Lieferung als Kriegsteilnehmer angesehen – „all das zielt darauf ab, unsere Gesellschaft zu spalten und politische Gegensätze so hochzuspielen, dass man sie nicht mehr im normalen demokratischen Diskurs austragen kann“. Sowohl bei der jüngsten Bundestags- als auch bei den Landtagswahlen zuvor habe es Erkenntnisse über russische Einflussnahme gegeben. „Es gab klare Hinweise darauf, die AfD und das Bündnis Sahra Wagenknecht zu unterstützen.“ Kahl betonte, dass der Schutz der Freiheit nicht nur Aufgabe der staatlichen Organe sei, sondern in der Verantwortung jedes und jeder Einzelnen liege: „Es bringt überhaupt nichts, Deutschland hochzurüsten, wenn am Ende Menschen die Regierung übernehmen, die Russland die Tür öffnen.“ Overbeck betonte: „Wir müssen die Demokratie um ihrer selbst willen verteidigen, damit sie nicht an den Freiheiten, die sie gewährt, zugrunde geht.“

Blick des Nachrichtendienstes auf Migration

Jenseits einzelner Krisenherde stellte Kahl dar, dass der BND als einer der ersten Dienste weltweit das Thema Migration nachrichtendienstlich analysiert habe – und zwar sowohl mit Blick auf Länder wie Russland oder Belarus, „die Migration als Waffe einsetzen“, als auch hinsichtlich sich verändernder Lebensbedingungen, die Menschen zur Flucht zwingen. Neben Krieg und Krisen verwies Kahl hier ausdrücklich auf klimatische Veränderungen als Ursachen für neue Migrationsströme. Aus Overbecks Sicht muss es „zum einen darum gehen, dort zu helfen, wo die Menschen eigentlich bleiben wollen. Zum anderen müssen wir als Land offen bleiben für Menschen, die sonst nicht sicher und würdevoll leben können.“ Der Bischof bezog dabei auch zur Frage des Familiennachzugs klar Position: „Familien müssen nachziehen dürfen. Das gehört für uns Christinnen und Christen zu einem menschenwürdigen Leben.“

Die Ziele einer Migrationspolitik in einer Gesellschaft müssten ohne Parolen austariert werden, forderte der Bischof. „Es ist sehr gefährlich, wenn Parteien hier mit Ängsten spielen. Scheinbar geht es um das Wohl einer Nation – aber die vielen Opfer, die nicht mehr kommen können, werden nicht mehr gesehen“, beklagte er. „Mich widert an, wenn man mit solchen Menschen parteipolitisch spielt, das darf man auf keinen Fall tun!“

Optimistische Töne aus den USA

Neben manch trüber weltpolitischer Aussicht – etwa in Richtung Naher und Mittlerer Osten oder China – stimmte Kahl in Richtung USA trotz Präsident Donald Trump vorsichtig optimistischere Töne an: „Bei meinen Gesprächen in Washington ist uns klargemacht worden, dass man auf Kontinuität setzt und Russland nach wie vor als eine Bedrohung sieht.“ Das schließe nicht aus, dass neue Prioritäten gesetzt werden, zum Beispiel hinsichtlich China. Und dass Deutschland mehr in seine Verteidigung investieren müsse, sei auch nicht neu. „Da waren wir in den letzten Jahrzehnten sehr träge Trittbrettfahrer.“

„Es ist gut religiös zu sein – wer religiös ist, hat immer Hoffnung“, antwortete der Bischof auf Wolfs Frage nach den Aussichten angesichts der trüben Weltlage. „Hoffnung ist mehr als Zuversicht“, betonte Overbeck, „mehr als das Gute, was wir uns für heute und morgen wünschen.“ Hoffnung habe eine echte Kraft. Und ein Hoffnungsschimmer sei in jedem Fall, „dass es viele Menschen gibt, die sich um ihr Gewissen willen für die Freiheit einsetzen“. Oder wie BND-Präsident Kahl es formulierte: „Es gibt deutlich mehr gute Menschen auf der Welt als böse.“

Generalvikar verweist auf Vielfalt der Sommerempfangs-Gäste

Generalvikar Klaus Pfeffer betonte die Vielfalt der Gäste des Sommerempfangs. Rund 320 Menschen aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Bildung, sozialen Einrichtungen, dem Gesundheitswesen, den Sicherheitsorganen und natürlich den Religionsgemeinschaften seien „ein Abbild der Gesellschaft hier im Revier, im Sauerland und im Bergischen Land. Das ist großartig in einer Zeit, in der Kräfte versuchen, die Oberhand zu gewinnen, die nicht zusammenführen wollen, sondern spalten. Es ist ein Zeichen, dass wir miteinander leben, nicht gegeneinander oder nebeneinander.“ Pfeffer reagierte auch auf die zuletzt mehrfach geäußerte Kritik, die Kirchen seien „zu politisch“: „Die Nachfolge Jesu bedeutet nicht, in eine fromme Sonderwelt abzuwandern, sondern als glaubende Menschen mittendrin in der Welt zu leben. In dieser Welt, so wie sie eben ist“, betonte Pfeffer. Darum gehe es auch bei „Christlich leben. Mittendrin.“, dem großen Veränderungsprogramm im Bistum Essen. Das wolle „christliches Leben mitten in dieser Gesellschaft ermöglichen will, auch morgen und übermorgen“.

Geheimdienst-Chef mit katholischer Journalistenausbildung

Geheimdienst-Tätigkeiten hatten es dem 1962 in Essen geborenen Bruno Kahl nach dem Abitur in Bonn schon im Wehrdienst angetan, als er Teil der Frontnachrichtengruppe wurde und als Oberst der Reserve ausscheidet. Er studiert Jura und absolviert die studienbegleitende Ausbildung der katholischen Journalistenschule IFP in München. 1995 wird er Referent im Bundeskanzleramt und ein Jahr später in die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag abgeordnet. Ab 2005 leitet er das Ministerbüro des damaligen Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble (CDU), übernimmt 2006 die Leitung des Leitungsstabs des Ministeriums, bevor er 2010 nach dem Wechsel Schäubles ins Finanzministerium dort die gleiche Funktion übernimmt. 2016 befördert Kanzleramtsminister Peter Altmaier Kahl zum Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes, nachdem er seinen Vorgänger Gerhard Schindler nach Unstimmigkeiten in den einstweiligen Ruhestand versetzt hatte. Neun Jahre später verlässt Kahl den BND und wird künftig deutscher Botschafter im Vatikan.

Text: Thomas Rünker | Bistum Essen

Foto: Nicole Cronauge | Bistum Essen