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Welcher Wohlstand ist selbstverständlich?

Die Menschen der Industrienationen hinterlassen den größten ökologischen Fußabdruck – und tragen die höchste Verpflichtung, etwas zu ändern.

Konsum kann überfordern, Verzicht kann bereichern und wäre dazu noch klimafreundlich. Aber obwohl die meisten Menschen in Deutschland inzwischen die Gefahren des Klimawandels vor Augen haben, sind viele nicht bereit, ihr eigenes Konsumverhalten maßgeblich zu verändern. Motivationsideen dazu sammelte der Bischöfliche Rat für Ökologie und Nachhaltigkeit im Bistum Essen in seiner Jahresveranstaltung am 8. Dezember in der Wolfsburg.

Bischof Franz-Josef Overbeck diskutierte mit Harald Welzer, Professor für Sozialpsychologie und Transformationsdesign in St. Gallen und Flensburg, und Beate Küpper, die als Professorin an der Hochschule Niederrhein zur sozialen Arbeit in Gruppen und Konfliktsituationen forscht. Rund 100 Interessenten verfolgten vor Ort oder daheim am Monitor den von Akademiedozent Mark Radtke moderierten Austausch.

Mit Not in my backyard (nicht in meinem Hinterhof) – dem Sankt-Florians-Prinzip „Verschon mein Haus, zünd andere an“ – war die Veranstaltung überschrieben. Die Diskutanten waren sich einig in ihrer Wahrnehmung: „Wenn öffentliche Appelle nicht ohnehin verhallen, stoßen sie auf immer gleiche Gegenargumente.“ Die lauten: Ich genieße noch mal schnell ein paar Jahre alles, was demnächst vom Staat verboten wird. Oder: Mein minimaler persönlicher Anteil – oder der Deutschlands – spielt für das Weltklima keine Rolle. Oder: Die Gesellschaft als Ganzes muss einzig das 1,5 Grad-Ziel bei der Eindämmung des Treibhauseffektes einhalten, mehr ist nicht nötig. Oder: Wir brauchen nur die richtigen Technologien, um uns privat nicht einschränken zu müssen. Oder auch: Windräder zerstören unsere schöne Gegend. Oder sogar: Die Überbevölkerung auf anderen Kontinenten ist schuld an der Klima-Misere.

Abgesehen davon, dass der ökologische Fußabdruck eines Menschen selbst innerhalb Deutschlands nicht gleichermaßen fair ist, weil arme Menschen weniger Ressourcen verbrauchen, fragte Sozialpsychologin Küpper: „Welchen Wohlstand nehme ich eigentlich als selbstverständlich hin und finde, dass er mir zusteht?“ Sie forderte: „Wir in den Industrienationen, die wir diese Klima-Situation geschaffen haben, sind an vorderster Front in der Pflicht.“

Bei aller Komplexität der Antworten schärfte Harald Welzer ein, dass Klimawandel und das Artensterben dennoch in einem einfachen Zusammenhang stehen: „Wenn die Menschheit zu viele Ressourcen verbraucht, verkonsumiert sie ihre eigenen Überlebenschancen.“ So wichtig diese Erkenntnis auch sei: Es sei nicht gelungen, dem Klimawandel auch in Kriegs- oder Pandemiezeiten vorrangig öffentliche Aufmerksamkeit einzuräumen.

Lebensglück: Kunst, Schönheit, Liebe – statt Shopping

Welzer plädierte dafür, die Menschen nicht mit Appellen oder Verboten zu überfluten, sondern für die positiven Seiten des Verzichts zu werben. Lebensglück sei nicht allein an Konsum gebunden, sondern auch an Quellen guten Lebens, die man nicht vervielfältigen könne: Kunst oder Schönheit zu erleben, Liebe, Spiritualität oder das Zwitschern der Vögel während der Flugzeuglärmpause im Lockdown. Eine überaus positive Seite des persönlichen Verzichts, so sagten Welzer und Küpper gleichermaßen, sei die Freude daran, gemeinsam mit anderen etwas Sinnvolles zu tun, um Kosten und Lasten des Wohlstands und Ressourcenverbrauchs gerecht zu verteilen.

Overbeck: Tiere und Pflanzen brauchen einen eigenen Rechtsstatus

An dieser Stelle des weltumspannenden Konflikts und seiner Lösungspotentiale knüpft das Christentum an. Einerseits erinnerte Bischof Overbeck an den Begriff der Subsidiarität, das heißt: Als einzelner, als Gruppe oder als Kommune die größtmögliche Eigenverantwortung zu übernehmen, damit das Gemeinwesen funktioniert. Andererseits gehe es in der Diskussion um die Lastenverteilung beim Klimaschutz natürlich darum, die Menschenwürde zu schützen. „Aber hier merken wir heute auch, dass wir Menschen Mitgeschöpfe sind neben den Tieren und Pflanzen, die wir bislang verzwecken“, so Overbeck. Tieren und Pflanzen einen anderen Rechtsstatus zuzuerkennen – auch da könnten Verbraucher Einfluss nehmen, wenn sie nachhaltig produzierte Lebensmittel einkaufen. Der Bischof warf die Frage auf, was passiere, wenn die soziale Marktwirtschaft nicht allein von Gewinnen bestimmt werde: in der konventionellen Landwirtschaft oder der energieintensiven Industrie im Ruhrgebiet, von denen auch Arbeitsplätze und Wohlstand abhängen.

Der Wohlstand des 20. Jahrhunderts lässt sich nicht mehr kopieren

Aus dem Publikum kam die Frage, ob man nicht besser Energie-Subventionen zurückfahren und stattdessen die weitreichenden Möglichkeiten der Energietechnik vorantreiben und damit die Diskussion von der soziologischen auf die technische Ebene verlagern müsse. „Einfach machen“ war die Antwort des Podiums. Allerdings könne man die „unglaubliche Erfolgsgeschichte“ des 20. Jahrhundert mit ihrem Wohlstand und Überfluss nicht mehr kopieren, sondern müsse neue Lösungen für das 21. Jahrhundert finden. (

 

Text: Cordula Spangenberg | Bistum Essen

Fotos: Achim Pohl | Bistum Essen

 

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